Wissenschaft Live – von fernen Galaxien bis zum Klimawandel auf der Erde.
70 Jahre Mittwochsvorträge des Vereins der Wilhelm-Foerster-Sternwarte
Nobelpreisträger Reinhard Genzel sprach schon über das Zentrum unserer Galaxie, Harald Lesch, bekannt aus TV-Formaten wie „Leschs Kosmos“, erläuterte die Entwicklung unseres Planetensystems und Tiefseeforscherin Angelika Brandt gab Einblicke über die Biodiversität am Meeresgrund. Die Referentenliste der „Wissenschaft Live“ – Vorträge des Vereins der Wilhelm-Foerster-Sternwarte ist lang und facettenreich. Vom mehrfach ausgezeichneten, international renommierten Wissenschaftler bis zur Amateurastronomin – sie alle haben bereits am Mikrofon bei „Wissenschaft Live“ von ihren Forschungsergebnissen berichtet. Das Berliner Publikum schätzt die traditionelle Veranstaltungsreihe und lässt sich seit nunmehr 70 Jahren jeden Mittwoch – mit Ausnahme der Sommerferien und von Feiertagen wissenschaftlich auf den neuesten Stand bringen. Bis heute hat der WFS e.V. über 2500 „Wissenschaft Live“ – Vorträge für die Berlinerinnen und Berliner realisiert.
Von den Anfängen bis heute

Die Arbeitsgemeinschaft um Richard Sommer (Mitte), ca. 1948, © WFS
1956 beschloss Richard Sommer, der damalige Vorsitzende des 1953 gegründeten Vereins der Wilhelm-Foerster-Sternwarte, der aus dem Wilhelm-Foerster-Institut hervorgegangen war, die damals regelmäßig donnerstags stattfindenden, öffentlichen „Ausspracheabende“ auf den Mittwoch zu verlegen. Damit etablierte der WFS e.V. seine Mittwochsvorträge – heute „Wissenschaft Live“ – zum neuen Fixstern des wissenschaftlichen Berlins, ganz in der Tradition Alexander von Humboldts.
Denn Alexander von Humboldt hatte mit seinen „Kosmosvorträgen“ über ein Jahrhundert zuvor, von Dezember 1827 bis März 1828, jeweils mittwochs die Berlinerinnen und Berliner an seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen allgemein verständlich teilhaben lassen – damals ein gesellschaftliches Ereignis. Wilhelm Foerster als dessen Schüler setzte die Tradition der Mittwochsvorträge in der Sing-Akademie fort, bis auf seine Initiative 1888 schließlich die Berliner Urania gegründet wurde, das erste „Wissenschaftstheater mit integrierter Volkssternwarte“.
Mit der Eröffnung der Wilhelm-Foerster-Sternwarte auf dem Insulaner 1963 erweiterte der WFS e.V. den Kreis der ursprünglich nur aus dem Verein stammenden Referentinnen und Referenten deutlich, erstmals fanden auch namhafte Astronomen anderer Sternwarten außerhalb Berlins sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Forschungsgebieten wie Meteorologie oder Geologie den Weg zum Insulaner.
Ab 1965 ermöglichte dann der große Plenarsaal des neu eröffneten Planetariums den Vortragenden ganz neue Darstellungsoptionen und dem Berliner Publikum viel Platz. „Wissenschaft Live“ wurde zum beliebten Bestandteil des Berliner Veranstaltungskalenders.
Auf sehr großes Interesse stieß beispielsweise der Vortrag von Rudolf Kippenhahn, der im April 1980 sein Buch „100 Milliarden Sonnen“ der Berliner Öffentlichkeit und der Presse am Insulaner vorstellte. Insgesamt 17-mal stand der Astrophysiker am Rednerpult des Planetariums und begeisterte die Zuhörenden mit seinen brillanten Vorträgen, gewürzt mit Anekdoten und humorvollen Anmerkungen.
Zeitsprung ins 21. Jahrhundert: Neben dem bereits eingangs erwähnten Astrophysiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik, Reinhard Genzel, der 2020 für seine Arbeit zusammen mit der US-amerikanischen Astronomin Andrea Ghez den Nobelpreis für Physik erhielt, begeisterte unter anderem Michael Janssen vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn das Berliner Publikum. Als Mitglied einer weltweiten Arbeitsgruppe zum sogenannten „Event Horizon Telescope“ zeigte er am Insulaner das Ergebnis der weltweit ersten berechneten Darstellung des supermassereichen Schwarzen Lochs M87 – eine Sensation, die es auf den Titel des „Spiegels“ schaffte.
Im Laufe der Jahre ist das inhaltliche Angebot der „Wissenschaft Live“ – Vorträge zunehmend vielfältiger geworden und umfasst heute neben der Erkundung des Weltalls auch die Erforschung der Erde und ihrer Lebewesen. Vorträge über Astronomie, Geologie, Erdgeschichte, Meteorologie, Ozeanologie und Biologie spiegeln den aktuellen Stand der Forschung wider. Die Gefahren des Klimawandels werden genauso thematisiert wie die Arbeit des James Webb Teleskops. Und bis heute berichten Vereinsmitglieder neben international renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von ihrer Forschungsarbeit.
„Wissenschaft Live“ als Zeitzeuge
Die Mittwochsvorträge des Vereins der Wilhelm Foerster Sternwarte stehen wie keine andere Veranstaltungsreihe in Berlin für die Historie von Forschung und Wissenschaft. Sie sind aber auch geprägt von der besonderen Geschichte der ehemals geteilten Stadt.
Die große Astronomie-Szene Berlins wurde mit der Teilung der Stadt zerrissen. Ab 1961 konnten die Kontakte in die DDR nur noch per Post aufrechterhalten werden. Trotzdem wurde der Austausch fortgeführt, Mitteilungen und Programmhefte bis zur Wiedervereinigung ausgetauscht.
Mit dem Bau des Planetariums am Insulaner hatten die „Wissenschaft Live“ – Vorträge ganz neue technische Möglichkeiten für die Präsentation der Vorträge zur Verfügung. Erste Experimente mit der Videoübertragung von Fernrohrbildern wurden gemacht. Damals weltweit eine Besonderheit: Statt eines Beobachters am Fernrohr konnten 300 Besucherinnen und Besucher eine Saturnbedeckung durch den Mond live verfolgen.
Die Mondlandung löste in den 1960er und 1970er Jahren einen regelrechten Boom der Raumfahrt aus. Historisch war der Besuch des Astronauten Frank Bormann von Apollo 8, der im Februar 1969 im total überfüllten Planetarium von seiner Reise rund um den Mond berichtete.

© EHT Collaboration
Um von einem weiteren astronomischen Highlight zu berichten, wird der Verein der Wilhelm-Foerster-Sternwarte für das 70. Jubiläum seiner Vortragsreihe „Wissenschaft Live“ für einen Abend vom geschichtsträchtigen Rathaus Schöneberg, wo wegen der Renovierung des Planetariums am Insulaner derzeit die Mittwochsvorträge stattfinden, in das Zeiss-Großplanetarium Prenzlauer Berg ziehen.
Am 09. September 2026 wird dort Heino Falcke von der Radboud-Universität Nijmegen veranschaulichen, wie man ein Schwarzes Loch fotografiert. Im April 2019 hatte der Professor für Astrophysik und Radioastronomie Wissenschaftsgeschichte geschrieben: Mit dem internationalen Event Horizon Telescope (EHT)-Team konnte er das erste Bild eines Schwarzen Lochs präsentieren – eine Weltsensation. Im Rahmen des Vortrags wird einmalig das Planetariumsprogramm »Black Hole – First Picture« von Mirage 3D gezeigt.
Und auch ein neuer Vortrag von Harald Lesch steht im Herbst wieder auf dem Programm von „Wissenschaft Live“: Am 11. November 2026 geht es „Vom Kosmos zum Klima“.
